Stellungnahme GWG-KollegInnen

Stellungnahme von GWG-KollegInnen zum Artikel in der FAS vom 11.11.2012

Die gewählte Darstellung der Tätigkeit familienpsychologischer Sachverständiger, die Einzelfälle von sachverständigen Fehlverhalten und fehlender Qualifikation von Gutachtern mit dem Sachverständigenverbund der GWG in Verbindung bringt, bedarf einer Gegendarstellung (s. auch die Stellungnahme von Prof. Dennis Köhler).

Qualifikation von Sachverständigen in der GWG

Beim Lesen wird für den fachfremden Laien durch die genannten Beispiele der Eindruck erweckt, dass im Verbund der GWG nicht ausreichend qualifizierte Gutachter tätig seien. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Fakt ist, dass es sich bei mit der GWG assoziierten Gutachtern ausschließlich um Diplom-Psychologen (bzw. gleichwertiger Master-Abschluss im Fach Psychologie) handelt und kein einziger Pädagoge, Theologe, Heilpraktiker etc. – ohne gleichzeitig einen Universitätsabschluss in Psychologie zu haben – unter dem Label der GWG tätig ist. Vielmehr verfügen die meisten der GWG-Sachverständigen über ihr Psychologie-Studium hinaus über Zusatzqualifikationen als Forschende, Mediatoren und/oder psychologische Psychotherapeuten.

In dem Artikel unerwähnt bleibt leider auch, dass die GWG als Verbund im Gegensatz zu vielen anderen Gutachten-Instituten oder als „Einzelkämpfer“ tätigen Sachverständigen, Qualitätsstandards entwickelt hat und Maßnahmen zur Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung dieser Qualitätsstandards durchführt. Es finden GWG-intern regelmäßig Fortbildungen, Workshops und Tagungen zur Weiterbildung der Sachverständigen sowie zur Anpassung und Modifikation der Qualitätskriterien aufgrund veränderter gesetzlicher Vorgaben bzw. Rechtsprechung statt. Ebenso gibt es wöchentlich Supervisionsteams, in denen schwierige Fälle diskutiert werden können. E-Mail-Foren und Kollegenbriefe, in denen aktuelle Forschungsergebnisse sowie Gerichtsentscheidungen weitergegeben werden, ergänzen die Möglichkeiten des fachlichen Austauschs. Durch GWG-interne statistische Erfassungen und durch von Sachverständigen betreute Diplom- und Doktorarbeiten wird die Arbeit vor Ort evaluiert.

Selbstverständlich ist trotz all dieser Maßnahmen die Qualität der GWG-Gutachten unterschiedlich, da es sich um rechtlich völlig unabhängige und unterschiedliche Sachverständige handelt. Jeder Sachverständige handelt nach bestem Wissen und Gewissen. Ebenso selbstverständlich wird nicht jeder Rezipient eines Gutachtens mit dem Gutachtenergebnis gleich zufrieden sein.

Ob, und verbunden mit welchen Kosten ein freiberuflich tätiger Sachverständiger diese qualitätsunterstützenden und fördernden Maßnahmen für seine eigene Arbeit in Anspruch nehmen möchte, bleibt Jedem selbst überlassen. Somit ist eine den Anschein erweckende Darstellung, dass die GWG als Institut lediglich existiere, um mit dem Schicksal anderer Gewinne zu erzielen, unpassend.

Kooperationen im Familienrecht

Ein Verbund wie die GWG, in dem sich Sachverständige freiwillig und rechtlich unabhängig im Sinne eines Berufsverbandes zusammengeschlossen haben, um den besonderen Anforderungen der familiengerichtlichen Fragestellungen und den Herausforderungen des Familienrechts gerecht zu werden, bringt dem einzelnen Sachverständigen Vorteile und erhöht durch die oben beschriebenen qualitätsfördernden Maßnahmen, Fortbildungen, Supervisionen usw. die Qualität seiner Arbeit. Insofern ist die Abgabe eines finanziellen Beitrages für qualitätsverbessernde Maßnahmen von den Sachverständigen nicht nur von ihnen frei gewählt, sondern auch angemessen.

Eine interdisziplinäre Vernetzung mit den anderen am Verfahren beteiligten Berufsgruppen (Richtern, Anwälte, Verfahrensbeistände, Jugendämter, Erziehungsberatungsstellen etc.) dient ebenso der Weiterentwicklung der Qualitätsstandards. Vor allem im lösungsorientierten Vorgehen ist ein enger Kontakt der die Familien unterstützenden Berufsgruppen zum Erfahrungs- und Wissensaustausch notwendig, um den Familien langfristig passende Maßnahmen zur Verfügung stellen zu können, die auch über die Dauer der Begutachtung hinaus fortgeführt werden können. Daher nehmen Sachverständige – genauso wie die o.g. Berufsgruppen – an Arbeitskreisen von Gerichten teil. Bei Tagungen und Fortbildungen, die von Sachverständigen-Instituten, wie der GWG, durchgeführt werden, sind daher wechselseitig auch diese Berufsgruppen (inkl. Richter) als Teilnehmer oder Vortragende eingeladen.

Allerdings muss klar dargestellt werden, dass kein Richter, der im Rahmen einer GWG-Veranstaltung als Vortragender tätig war, je ein Honorar dafür bezogen hat. Dies geschieht genau deswegen, um eben nicht den Anschein einer „Klüngelei“ zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer zu erwecken, was durch den Tenor des Artikels suggeriert wird. Hochqualifizierte Vortragende aus anderen Berufsgruppen erhalten durchaus eine Vergütung, da sie ohne entsprechende Honorierung meist nur schwer dafür zu gewinnen wären.

Lösungsorientierte Begutachtung und Nachvollziehbarkeit

In Bezug auf ein lösungsorientiertes Vorgehen in der Begutachtung wird im Artikel durch den Kommentar des Kollegen Jopt – dem in seiner Kernaussage zuzustimmen ist – der Anschein erweckt, dass im Verbund der GWG tätige Sachverständige nicht lösungsorientiert begutachten würden. Dies ist nicht der Fall. Bereits seit Mitte der 80er Jahre wird durch die Sachverständigen im Rahmen der GWG lösungsorientiert mit den Familien gearbeitet. Das Bemühen des Sachverständigen war und ist es, ein schriftliches Gutachten zu vermeiden und die Eltern zu einem Einvernehmen mit sachverständiger Hilfe zu befähigen. Es wurde schon seit vielen Jahren von unterschiedlichen GWG-Mitarbeitern eine Reihe von Veröffentlichungen auch zum Thema der lösungsorientierten Begutachtung gemacht u.a. in einem aktuell erschienen Lehrbuchartikel spezifisch auch auf diese Frage eingegangen.

Seitdem durch die Novelle des FamFG das „Hinwirken auf Einvernehmen“ stärker betont wurde, sind im Verbund der GWG Methoden des lösungsorientierten Vorgehens gezielt weiterentwickelt worden. Dieses Vorgehen wurde u.a. im Rahmen einer Bachelorarbeit im Fach Psychologie bewertet. Richtig ist, dass im Verbund der GWG aus fachlichen Gründen eine andere Methodik des lösungsorientierten Arbeitens präferiert wird als in der ‚Jopt’schen Schule‘. Es wird so vorgegangen, dass im Falle eines Scheiterns des lösungsorientierten Vorgehens (was ohne Beschönigung in ca. 60 % bis 70 % der Fälle vorkommt), eine für die Beteiligten transparente Empfehlung an das Gericht weiterhin möglich ist, da im Rahmen dieser Methodik nach wie vor diagnostische Untersuchungen stattfinden. Diagnostik ist nach der Philosophie der GWG – im Gegensatz zu manchen anderen Gutachtern – notwendig, um den Konflikt und die Belastungen der Beteiligten hierdurch besser verstehen, um die Ausgangslagen seitens der Eltern und Kinder angemessen erfassen und gemäß dem individuellen familiären Geschehen entsprechende Lösungen gemeinsam mit den Beteiligten erarbeiten zu können.

Im Falle eines Scheiterns ist somit gesichert, dass ein Gutachten mit entsprechender Qualität erstellt werden kann, bei dem auf der Grundlage der erhobenen Daten eine nachvollziehbare, wissenschaftlichen Kriterien gerecht werdende, Empfehlung an das Gericht und die Eltern gegeben werden kann.

Leider wird außerhalb der Fachpresse in den Medien über ein erfolgreiches lösungsorientiertes Vorgehen (ca. 30 % bis 40 % der Fälle) nicht berichtet. Zudem bestehen keine Kriterien wie lösungsorientiertes Vorgehen definiert wird. Vielmehr werden anscheinend nur diejenigen Fälle dargestellt, in denen ein sich benachteiligt fühlender Elternteil seine Erfahrungen und sein Erleben einseitig darstellt. Der andere Elternteil kommt meist nicht zu Wort, so dass dem Leser eine objektivere Darstellung des tatsächlichen Fallgeschehens vorenthalten bleibt. Am Rande sei erwähnt, dass die im Artikel kolportierte Zahl von 16 % Falschgutachten die Einschätzung betroffener Elternteile wiedergibt. Es ist offensichtlich, dass in einem Problemfeld, in dem es dann „Gewinner und Verlierer“ gibt, wenn die Eltern sich nicht einigen können, für die betroffenen Kinder aber Entscheidungen getroffen werden müssen, einer oder eine mit dem Ergebnis der Begutachtung nicht zufrieden ist. Und nicht selten sind es die Unzufriedenen, die den Weg der gemeinsamen Verhandlungen verlassen und auf eine gerichtliche Entscheidung gesetzt haben. Die vielen Zufriedenen, denen durch Begutachtungen geholfen wurde, melden sich üblicherweise nicht. Und darunter sind sicherlich auch solche, die nicht als „Sieger“ aus einem Verfahren hervorgingen sondern die, die nach einer gewissen Zeit, in der eine emotionale Beruhigung eingetreten ist, sehen können, dass die gefundenen und vorgeschlagenen Lösungen den betroffenen Kindern geholfen haben, mit der Trennung ihrer Eltern zurecht zu kommen.

Honorierung von Sachverständigen

Des Weiteren wird in dem Artikel der Anschein erweckt, dass es den Sachverständigen in der Ausübung ihrer Tätigkeit nur darum ginge, möglichst schnell, möglichst viel zu erwirtschaften und dass dadurch ein am Kindeswohl orientiertes Vorgehen vernachlässigt würde. Dies wird der täglichen Arbeit dem Gros der Sachverständigen nicht gerecht: Unbestreitbar ist, dass es einzelne Fälle gibt, in denen die Verpflichtung zu einem ökonomisch angemessenen Vorgehen, außer Acht gelassen wurde und dass die Gutachtenkosten die Zehntausend-Euro-Marke übersteigen bzw. nicht im Verhältnis zum Ergebnis stehen.

GWG intern wird diese Pflicht allerdings ernst genommen, v. a. vor dem Hintergrund, dass entweder in ca. 70 % der Fälle mindestens ein Elternteil Verfahrenskostenhilfe erhält, und somit die Gutachtenkosten letztlich durch den Steuerzahler getragen werden, oder die Beteiligten die Kosten zu tragen haben. Begutachtungsschritte werden daher in der Regel sorgfältig erwogen, um unnötige Kosten zu verhindern. Für die GWG München lagen beispielsweise die Gutachtenkosten in den vergangenen Jahren meist zwischen bei 2.500 Euro 4.000 Euro. Bei einem Stundensatz von 85 EURO nach JVEG kann sich jeder selbst ein Bild davon machen, ob der Beruf des Sachverständigen zur Bereicherung geeignet ist bzw. ob die Vergütung für die mit der Tätigkeit verbundene Verantwortung und Belastung (hochkonflikthafte Klienten!) angemessen ist oder nicht. Im Vergleich zu Stundensätzen von Psychotherapeuten oder Rechtsanwälten mit entsprechenden Qualifikationen und einer ähnlichen Klientel dürfte die Bezahlung wohl kaum als überzogen zu bewerten sein. Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass der Sachverständige selbständig tätig ist, es sich folglich also dabei um einen erzielten Umsatz handelt, von dem noch seine laufenden Kosten (z. B. Altersversorgung, Krankenversicherung, qualitätssichernde Maßnahmen, Bürokosten etc.) zu bestreiten sind.

Verantwortung der Sachverständigen und Elternverantwortung

Hierbei sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Mehrzahl der Sachverständigen – bis auf zu Recht angesprochene Ausnahmen – ihre Arbeit in vollem Bewusstsein dieser Verantwortung und möglicher Konsequenzen für die betroffenen Kinder und Eltern ausübt. Ebenso ist die angebliche „Macht“ des Sachverständigen nicht so weitreichend wie verbreitet angenommen. Im Familiengericht bestehen weitere Kontrollebenen, da neben dem Sachverständigen auch das Jugendamt und in der Regel der Verfahrensbeistand ihre Voten abgeben, zudem das sachverständige Vorgehen durchgehend, durch die weiteren Verfahrensbeteiligten, den Anwälten und nicht zuletzt in der weiteren Instanz kontrolliert werden kann.

Es darf unabhängig davon darauf hingewiesen werden, dass die Inanspruchnahme des Familiengerichts oder auch der dort mit dem Trennungs- und Scheidungsgeschehen befassten Berufsgruppen nicht nur von außen aufoktroyiert wurden, sondern durchweg auf einer Entscheidung der Eltern beruht, die niemand zwingt, sich auf diese Hilfestellungen oder Stützmaßnahmen zu verlassen. Den Eltern ist es immer freigestellt, ihren Konflikt selbst und außerhalb des Gerichtsverfahrens zu regeln.

Durch die Darstellung im Einzelfall durchaus richtiger Sachverhalte in der gewählten Reihenfolge wird in dem Artikel der Anschein erweckt, dass alle Sachverständigen – und vor allem die Sachverständigen im Verbund der GWG – so arbeiten würden wie es in den bedauernswerten Fallgeschichten beschrieben wurde, deren Hintergründe aber dennoch nicht transparent dargestellt wurden.

Die voranstehenden Erläuterungen tragen hoffentlich dazu bei, einen realistischeren Einblick in die tatsächliche Arbeit der Sachverständigen zu ermöglichen.

 

Evelyn Class (Karlsruhe), Dr. Julia Groves (München), Wolfgang Gruber (München), Dr. Hubert Hermes (Soest), Robert Heß (Kassel), Dr. Anne Huber (Berlin), Ute Krankenhagen (München), Matthias Kupfer (München), Jutta Matthäy-Eberl (Stuttgart), Dr. Nicole Nerb (Kirchzarten), Sabine Maria Schmidt (München), Christiane Tolkmitt-Fröhlich (Kassel), Steffi Stahl (Trier), Dr. Stella Stehle (Augsburg), Dr. Cornelia Ulrich (München) u.a.